Samstag, 21. November 2015

|Stefka reads| „Schlaf der Vernunft“ von Tanja Kinkel

(Verlag: Droemer, Erscheinungsdatum: November 2015)

Kurzrezension:
RAF, deutsche Geschichte, 70er bis 90er Jahre, Terrorismus, Vergebung

Ich finde die deutsche Geschichte von der außerparlamentarischen Opposition bis zur RAF schon seit einigen Jahren sehr spannend. Angefangen hat es zu Schulzeiten, da hatte ich u.a. „die sozial-liberale Koalition“ als Thema in einer mündlichen Prüfung im Fach Geschichte. Natürlich wurde dieser Abschnitt bei weitem nicht so ausführlich behandelt wie die Zeit zwischen 1933 und 1945 (oder die EU, ein Thema das mich über die Jahre durch die Fächer Geschichte, Gemeinschaftskunde und Englisch, im Studium in „Öffentlichem Recht“ und bei der Erstellung von Klausuren verfolgt hat). Mit der RAF habe ich mich mit Hilfe verschiedener Bücher („Der Baader-Meinhof-Komplex“ von Stefan Aust) und Filme („Todesspiel“ von Heinrich Breloer) auseinandergesetzt.





Folglich hat mich der neue Roman von Tanja Kinkel zu diesem Thema auch direkt angesprochen. Es liegt schon einige Jahre zurück, dass ich Romane von dieser Autorin gelesen habe („Unter dem Zwillingsstern“, „Wahnsinn, der das Herz zerfrisst“), wobei mir diese alle in positiver Erinnerung geblieben sind.

In ihrem neuen Buch verwebt Tanja Kinkel die reale Geschichte der RAF mit der fiktiven Lebensgeschichte einer Terroristin, die an einem fiktiven Attentat auf einen fiktiven Staatssekretär beteiligt ist. Sie erfindet quasi einen Nebenstrang zur Geschichte der RAF. Diese Idee finde ich sehr clever, denn wenn man keine reine, auf historischen Tatsachen beruhende Dokumentation schreiben möchte, ist es schwer möglich, auf Basis teilweise noch lebender oder noch nicht lange verstorbener Personen einen Roman zu verfassen.





Martina Müller wächst in gutbürgerlichen und wohlbehüteten Verhältnissen als Lehrertochter in Nürnberg auf. Ihre heile Welt bekommt erste Risse, als sie während des Schahbesuches auf Klassenfahrt in Berlin ist und Zeugin wird, wie die sogenannten Jubelperser auf demonstrierende Studenten einprügeln, während die Polizei tatenlos zuschaut. In der Folgezeit ist sie beim Prozess gegen die Kaufhausbomber der ersten RAF-Generation als Zuschauerin dabei und muss sich als junge, studierende Mutter durchschlagen. Der Wendepunkt in ihrem Leben wird der umstrittene Tod des inhaftierten RAF-Mitglieds Holger Meins, der seinen Hungerstreik trotz Zwangsernährung nicht überlebt. Zu diesem Zeitpunkt entschließt sich Martina Müller ihre Tochter Angelika zurückzulassen und in den Untergrund zu gehen.

Martina Müller ist die Hauptperson des Buches, dieses wird jedoch auf mehreren Zeitebenen zwischen 1967 und 1998 aus Sicht verschiedener Personen erzählt, deren Leben Martina Müller durch ihre Entscheidung, sich aktiv der RAF anzuschließen, beeinflusst hat. Da wäre ihre Tochter Angelika, deren Dasein als Zahnarztgattin und Hausfrau durch die Freilassung ihrer Mutter aus den Angeln gehoben wird. Das gleiche gilt für die alte Studentenfreundin Renate, die mittlerweile als Politikerin Teil des „Establishments“ ist. Oder den Sohn des von der RAF-Zelle um Martina Müller ermordeten Staatssekretärs, der mittlerweile selbst eine Lokalpolitikerlaufbahn eingeschlagen hat. Und den Journalisten Alex Gschwindner, dessen Vater als Fahrer für den Staatssekretär gearbeitet hat und der bei dem Attentat quasi als Nebenprodukt erschossen wurde. Sowie den Personenschützer Steffen Seidel, der das Attentat schwer verwundet überlebt hat.

Mit Perspektivenwechseln in Büchern kann man mich nur selten begeistern, da diese häufig äußerst holprig umgesetzt werden. In „Schlaf der Vernunft“ haben diese meinen Lesefluss nie gestört und durch das Springen zwischen verschiedenen Zeitebenen wurde der Spannungsbogen des Buches erhöht.

Zunächst war ich etwas zögerlich, dieses Buch unmittelbar nach den Ereignissen von Paris zu lesen, da mich die damit zusammenhängenden Schlagzeilen sowie die Flüchtlingsdiskussionen der Wochen davor so traurig gemacht haben, dass ich mich teilweise vom Lesen und Schauen von Nachrichten zurückgezogen habe. Jedocht hat mir dieses Buch - so seltsam es im ersten Moment klingen mag - Hoffnung gegeben. Die Parallelen zwischen der RAF und der aktuellen Lage sind teilweise frappierend. Auf der einen Seite junge Menschen, bei denen das Gefühl, keine Antworten von der Väter- und Tätergeneration zu erhalten (damals) bzw. Perspektivlosigkeit (heute) zu einer Auflehnung gegen die traditionellen Werte und Institutionen führt, die schließlich in einer Radikalisierung endet. Junge Menschen, die sich der Gewalt als Protestmittel zuwenden und im nahen Osten im Umgang mit Waffen ausgebildet werden. Aber warum gibt mir das Hoffnung? Ich empfinde Hoffnung, weil diese Parallelen mir zeigen, dass eine Gesellschaft die Bedrohung durch Terrorismus überstehen kann. Dass es schon immer unruhige Zeiten gegeben hat und dass nicht alles einfach nur den Bach runter geht. Hoffnung, dass man, wenn man sich die Ursachen anschaut, aus Terroranschlägen etwas lernen kann. Gleichzeitig ist es eine Warnung, dass überzogene Freiheitseinschränkungen durch den Staat nicht die Lösung sind. So schwer es auch fallen mag, ein Rechtsstaat darf sich nie auf ein Niveau mit den Mördern begeben, denn sonst macht er sich in jeder Hinsicht angreifbar.

Erwähnen möchte ich auch, dass das Buch in einem Nebenerzählstrang aufzeigt, wie viel sich in den letzten Jahrzehnten für gleichgeschlechtliche Partnerschaften geändert hat. War früher absolute Geheimhaltung gefragt, um nicht ein Karriereende oder gar Strafverfolgung zu riskieren, sieht es heute zum Glück in vielen Bereichen ganz anders aus.

Eine Leseempfehlung und 5 von 5 Sternen von mir. Verbunden mit der Hoffnung, dass der eine oder andere diese Buch lesen wird, um aus der Vergangenheit etwas für die Gegenwart zu lernen.

Dienstag, 17. November 2015

|Stefka creates| Selbstgebastelter Adventskalender

Ich mag die Vorweihnachtszeit und hoffe, sie trotz aller Vorkommnisse in der Welt auch in diesem Jahr zumindest ein bisschen genießen zu können. Somit könnte das Motto für diesen Post lauten: "Spread a little love by creating an Advent calendar".


Ich habe bereits in den vergangenen beiden Jahren als Geschenk eine Adventskalender selbst gebastelt. Dieses Jahr war meine Idee, die kleine Geschenke in Klorollen zu verpacken. Ich habe also frühzeitig damit begonnen, Klorollen zu sammeln. Leider nicht früh genug, denn als ich meinen Bastelnachmittag eingelegt habe, haben mir 4 Klorollen gefehlt. Da ich unbedingt den gesamten Kalender auf einmal erstellen wollte, habe ich mich spontan entschieden, aus Karton und mit Hilfe von Klebeband selbst Rollen zu basteln. Das hat ziemlich gut geklappt.



Als Inhalt habe ich eine Mischung aus Schokolade und nicht essbaren Kleinigkeiten gewählt und diese mit System auf die einzelnen Tage verteilt. Z.B. achte ich immer darauf, dass sich Schoki und sonstiger Inhalt abwechseln. Außerdem schenke ich am Nikolaustag etwas größeres.



Anschließend habe ich die Rollen mit Seidenpapier umwickelt. Das hat gut funktioniert, man muss nur darauf achten, dass man vorsichtig arbeitet, damit das Papier nicht einreißt.

Die verpackten Rollen habe ich mit vorgefertigten Zahlen aus dem Bastelbedarf beklebt.


Ich bin mit dem Ergebnis recht zufrieden. Die Farben rot und grün passen gut zusammen und auch zu Weihnachten. Auch bei dem Beschenkten kam der Adventskalender gut an.

Theoretisch kann man die einzelnen Rollen aufhängen, das war mir aber zu riskant, da einige meiner Rollen ein gewisses Gewicht hatten. Deshalb habe ich sie in einem beleuchteten Korb angerichtet. 


Dienstag, 10. November 2015

|Stefka reads| "Ewig und eins" von Adriana Popescu

(Verlag: Piper, Erscheinungsdatum: Mai 2015)

Kurzrezension:
Roman fürs Herz“, Klassentreffen, Stuttgart, Roadtrip, best friends forever?!



Eins vorneweg: ich mag Bücher über Klassentreffen. Und auch Klassentreffen im realen Leben. Mich interessiert, was aus den Menschen und ihren Träumen geworden ist. Bei mir steckt echtes Interesse und keine „Mein Haus, meine Frau, mein Auto“-Protzerei dahinter. Ich finde, ein Klassentreffen ist ein toller Hintergrund für ein Buch. In „echt“ hatten wir letztes Jahr ein rundes Klassentreffen (und ich sage jetzt nicht welche Zahl, denn die ist erschreckend... Nicht mehr lange, und wir sehen uns zur 50er-Feier), und ich fand das super spannend. Zu sehen, was aus uns allen geworden ist. Festzustellen, dass ich im Herzen noch immer ein Landkind bin, mich aber doch meilenweit davon entfernt habe, denn ich gehöre zu den wenigen, die nicht aufs Dorf zurückgekehrt sind oder dieses nie verlassen haben. Manchmal fühle ich mich wie ein Migrationskind: zu Hause in beiden Welten und doch nirgends so wirklich heimisch. Hier wundere ich mich über Leute, die nicht wissen, dass Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten viel besser schmecken und dort könnte ich mich nie wieder an Läden gewöhnen, die samstags irgendwann zwischen 12:00 Uhr und 18:00 Uhr schließen (oder Mittwoch nachmittags per se geschlossen haben. Kennt das außer mir noch jemand?!).


Ella, Ben und Jasper waren zu Schulzeiten unzertrennlich. Damals dachten sie, dieser Zustand würde ewig anhalten. Tatsächlich kam alles ganz anders. Das Traumpaar Ella und Ben hat sich getrennt und in der Folge verlieren alle drei den Kontakt zueinander. Mittlerweile sind sie Ende 20 und auf dem Abitreffen kommt es zum großen Wiedersehen. Der Beginn einer unvergesslichen Nacht. Sie statten den wichtigen Schauplätzen ihrer Jugend einen Besuch ab. Alte und neue Geheimnisse werden offenbart. Es wird hemmungslos darüber philosophiert, ob früher alles besser war. Und was wurde eigentlich aus den Träumen der Abizeit? Damals, als noch alle Türen offen zu stehen schienen. Jasper hat seinen Traum verwirklicht und arbeitet als Künstler in Südafrika. Ben, der eigentlich Dokumentarfilme drehen wollte, reibt sich in der Filmbranche als Hilfskraft auf. Ellas Traum von der Tanzkarriere wurde durch eine Verletzung jäh beendet.


Was ich an diesem Buch besonders schätze, ist nicht die erzählte Geschichte im eigentlichen Sinne und auch nicht die zwei sich dahinter verbergenden Liebesgeschichten. Nein, es ist das Lebensgefühl, das die Autorin vortrefflich vermittelt. Dieses Schweben durch eine atemlose Nacht. Wer kennt es nicht, dieses Kippen des Lebensgefühls, wenn man feststellt, dass das Leben endlich ist und einem nicht mehr alle Türen offen stehen. Damals - direkt nach dem Abitur – denkt doch jeder, dass nun die große Freiheit beginnt, und man beruflich und privat alles in die Tat umsetzen kann, was man sich erträumt. Nach dem Studium oder der Ausbildung steigt man ins Erwerbsleben ein und plötzlich muss man erfahren, dass man sich auf einem vorgezeichneten Weg befindet und nicht mehr alles möglich ist. Irgendwann ist die Zeit soweit fortgeschritten, dass man sich eingestehen muss, dass gewisse Möglichkeiten vorbei sind. Man wird es in diesem Leben wohl nicht mehr zum Olympiasieger schaffen. Außer vielleicht im Curling. Man wird in diesem Leben vielleicht nicht mehr die große Liebe finden, denn die Guten sind bereits alle vergeben. Kann man höchstens auf die erste Scheidungswelle warten. Ella, Ben und Jasper sind genau an diesem Punkt, an dem es gilt, das Ruder herumzureißen – und vielleicht doch noch glücklich zu werden.


Mich hat dieser Roadtrip durch die Stuttgarter Nacht mitgerissen, auch wenn ich zugeben muss, dass ich mich an das „Pairing“, auf das die Geschichte hinausläuft, erst gewöhnen musste. Es war schön, eine Geschichte zu lesen, die in der Heimat spielt und nicht in einer der „üblichen“ gehypten Städte wie München, Hamburg oder Berlin. Eine klare Leseempfehlung an alle, die an Träume und leise Liebesgeschichten glauben. 4 von 5 Sternen von mir.